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Vom Gesundheitstourismus in Schleswig-Holstein

 
Ein Schwall feuchter und kalter Luft fegte durch die Terrassentür ins Haus. Fröstelnd schloß ich die Tür und wandte mich ins Wohnzimmer. Den Blick auf Lilli, meine 2 jährige Tochter geheftet, bemerkte ich zu spät, wie ich mit dem rechten Fuß ins Rutschen geriet.
Es gab einen lauten Knall und ich fand mich wie ein auf dem Rücken zappelnder Käfer auf dem Fußboden wieder. Den messerscharfen Schmerz in meinem Fuß ignorierte ich und versuchte wieder auf die Füße zu kommen. Vergebens.
Der rechte Fuß trug mich nicht mehr. So stand ich wie ein Storch auf einem Bein im Wohnzimmer. „Papa hüpfen“ krähte Lilli und hinkelte auf mich zu.
„Was hat da so geknallt?“ fragte meine Frau Jessica, während sie mich stützte und wir zum Sofa wankten. „Mein Fuß“, sagte ich. „So laut? Das kann doch nicht sein“, antwortete Jessica. „Laß `mal sehen“. Die Fußentkleidung gestaltete sich schwierig. Die Socke war irgendwie zu klein geworden, für den Klumpen, der darin steckte. Auch farblich hatte sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. „Füße waschen“, bemerkte Lilli und hüpfte aus dem Wohnzimmer.
 
Kurze Zeit später lag ich auf dem Sofa, eine Selterkiste zur Fußhochlagerung unter der Wade und betrachtete frustriert die Wohnzimmerdecke. Was nun?
Die Eispackung um meinen Fuß schmolz dahin wie Butter in der Sonne.
Es war Donnerstag  abend, 20:00 Uhr, die Praxen waren längst geschlossen. An Auto fahren war mit diesem Fuß nicht zu denken.
„Schöner Mist“ dachte ich und überlegte, wen ich als Fahrer anheuern könnte. Wir konnten doch nicht mit Lilly durch die Nacht fahren, womöglich stundenlang suchen und warten. Nein, meine Frau kam als Fahrerin nicht in Frage, entschied ich, denn dann hätten wir Lilli mitnehmen müssen.
 
Schönes Schleswig-Holstein, ging es mir durch den Kopf. In Gelsenkirchen hätte ich mit dem Taxi ins nächste Krankenhaus fahren können.
Über so etwas hatte ich mir vor 3 Monaten, als wir ins ländliche Angeln zogen, natürlich keine Gedanken gemacht. Wird schon nicht so schlimm sein, redete ich mir ein.
Morgen ist es auch noch früh genug für ein Röntgenbild und einen professionellen Verband.
 
Wohin sollte ich morgen fahren? „Jessica, wir haben hier noch keinen Hausarzt. Kennst Du einen?“ „Nein“, antwortete meine Frau. „Der Fuß muß sowieso geröntgt werden um sicher zu sein, dass nichts gebrochen ist“.
Moment Mal! Röntgen?
Gerade erst hatte ich gelesen, dass die Hausarztpraxen seit der Verschärfung der Röntgenverordnung ihre Röntgengeräte in den Praxen abgeschafft haben. Am besten würden wir morgen früh gleich in die Klinik fahren. Also auf in das 28 km entfernte Flensburg.
 
Nach schlafloser Nacht packten wir Lilli ein und machten uns auf die Reise durch den Norden des „Gesundheitslandes“ Schleswig-Holstein. Jessica setzte schweren Herzens ihre Arbeitgeberin davon in Kenntnis, dass sie erst später zur Arbeit kommen würde. Auch das noch! Eine Kollegin fehlte bereits wegen Krankheit und nun würde die Auszubildende den Freitagsbetrieb in der Zahnarztpraxis allein bewältigen müssen.
Sie seufzte, und steuerte die Ambulanz des Diakonissenkrankenhauses an.
 
Zunächst mussten wir natürlich das Wichtigste erledigen. 10 Euro Praxisgebühr, das Einlesen der Gesundheitskarte und Ausfüllen des Anamnesebogens…. Lilli bekam von Jessica auch einen Zettel den sie ausfüllen musste. Sie malte eine dunkelblaue dicke Kugel und sagte stolz „Papas Fuß“.
Nachdem wir feststellten in der falschen Patientenannahme zu warten (eine Patientin im Rollstuhl wies uns darauf hin) irrten wir umher, bis wir endlich die Notannahme gefunden hatten. Nach einiger Wartezeit kam ein netter junger Arzt und beäugte meinen Fuß.
„Hmm“, sagte er. „Wann ist das denn passiert?“ „Gestern abend“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Haben Sie eine Überweisung vom Hausarzt?“ fragte der nette Arzt.
„Nein, wir sind erst vor 3 Monaten hierher gezogen und haben noch keinen Hausarzt“ mischte sich Jessica ein. „Ja aber dann darf ich Sie nicht behandeln“, rief der nette Arzt bekümmert aus. „Ohne Überweisung geht das nicht. Gehen Sie erst zu einem Hausarzt und kommen Sie dann mit der Überweisung wieder“, riet er mir.
 
Ich war fassungslos, doch alles Argumentieren half nichts. Wir wurden tatsächlich weggeschickt. Was nun?
Jessica rief ihre Kollegin in der Zahnarztpraxis an. Die riet ihr nach Kappeln ins Krankenhaus zu fahren, denn dort war sie selbst in einem ähnlichen Fall problemlos versorgt worden.
 
Gesagt getan. Bis Kappeln waren es ja bloß 46 km und außerdem liegt Kappeln eigentlich dichter bei unserem Dorf. „Papa muß hinten sitzen“, freute sich Lilli deren Papa zum ersten Mal auf der Rückbank neben ihr saß. Lilli fand die heruntergedrehte Rücksitzlehne des Beifahrersitzes prima und empfahl „Papa Bein hochlegen“.
 
Tatsächlich. In Kappeln angekommen erledigten wir den Papierkram zum zweiten Mal.
Hier wurde nicht nach einer Überweisung gefragt. Man kümmerte sich endlich um meinen Fuß. Staunend betrachtete ich den glatten Bruch des Mittelfußknochens auf dem Röntgenbild. Ich bekam Krücken, eine Schiene und einen Stützschuh, allerdings einen linken Schuh für den rechten Fuß. Na, ja. Das kläre ich beim nächsten Besuch.  Lilly findet mein handicap wunderbar. Endlich ist sie schneller als ich und zieht die Decke vom Tisch bevor ich auch nur aufgestanden bin. Das kann ja heiter werden.
 
Weniger heiter finde ich das Gesundheitsland Schleswig-Holstein.
Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP an die Bundesregierung zu den „Arbeitsbedingungen der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland“ geht hervor, dass ca. 25% der Hausärzte/innen in Schleswig-Holstein 60-65 Jahre alt sind, 25 % der Hausärzte/innen sind 50-59 Jahre alt. Innerhalb der nächsten 5-10 Jahre wird sich die Zahl der niedergelassenen Hausärzte halbieren. Nachfolger finden sich kaum.
Wo bekomme ich künftig eine Überweisung her? In welche Warteschlange muß ich mich künftig einreihen? Wieso kann ich nicht frei entscheiden, zu welchem Arzt ich gehe?
Ich brauche keinen Lotsen im Gesundheitswesen, der mir den Zugang zur medizinischen Versorgung zuteilt.
Was ist los in diesem Land, in dem für alle Betroffenen spürbar, eine erhebliche Verschlechterung der Versorgungsinfrastruktur und der Menschlichkeit festzustellen ist?
Seit Jahren steigen die Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Krankenkasse bei stetig schlechter werdenden Leistungen. Finden Sie das normal? Ich nicht!
Ich mache mir Sorgen um Lilli. Was ist, wenn ihr `mal etwas passiert?
 
Mein Tipp: Kümmern Sie sich, bevor Sie betroffen und vielleicht hilflos sind!
 
Schreiben auch Sie Ihre Geschichte vom Gesundheitstourismus der etwas anderen Art.
 
Bleiben Sie gesund!
 
Markus Peter
Anm. Mittwochsdemo
Schreiben Sie Ihre "Folgegeschichte" an email@mittwochsdemo.de